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Schwanzlos: Zwerg-Kaulhühner

Es gibt immer wieder Hühnerrassen, die auf den Groß- und Kleinschauen sehr selten oder fast gar nicht vertreten sind. Bei manchen dieser so genannten seltenen Hühnerrassen kann man dies nicht verstehen, so wie es auch bei den Zwerg-Kaulhühnern der Fall ist. Liegt es vielleicht daran, dass die Rasse schon zu lange anerkannt ist und keine großen Besonderheiten außer der Schwanzlosigkeit aufweist? Oder ist es gerade das Fehlen des Schwanzes, dass Züchter nicht von dieser Rasse angesprochen werden? Dies kann ich jedoch kaum glauben, wenn ich an den Verbreitungsgrad der Zwerg-Araucanas und Araucanas denke.

Laut Dürigen (Geflügelzucht, 1905) wurden zum ersten Mal schwanzlose Hühner von dem italienischen Gelehrten Aldrovandi (1600) unter dem Namen "Persisches Huhn" beschrieben und abgebildet. Die deutsche Bezeichnung Kluthuhn tauchte bereits 1763 bei Frisch und später auch bei Bechstein auf. In Deutschland wurden die Tiere, je nach Region, unterschiedlich bezeichnet: Klüter, Klümper, Stüper, Stummel-, Rumpfschwanz-, Kuhl- und Klumphuhn usw.

1,0 Zwerg-Kaulhuhn
orangehalsig

0,1 Zwerg-Kaulhuhn
gesperbt
Fotos: Wolters

Bereits 1925 wurden erstmals die Zwerg-Kaulhühner in der Zeitschrift "Unser Rassegeflügel" erwähnt und abgebildet. Es ist allgemein bekannt, dass bis zum 1. Weltkrieg Kaulhühner zum Dorfbild der Oberlausitz gehörten. Noch um die Jahrhundertwende waren daneben in Thüringen ebenfalls schwanzlose Zwerghühner anzutreffen. Zur damaligen Zeit waren die Zwerg-Kauler als Landhühner so stark verbreitetet, dass es für deren gezielte Zucht keinen Anlass gab.

Um 1900 gab es in Frankfurt/Main kleinere Bestände bzw. einzelne Zwerg-Kauler, die sogar Hauben und unbefiederte Hälse gehabt haben sollen. Louis Assmus, ebenfalls aus Frankfurt/Main, züchtete als einer der ersten systematisch Zwerg-Kauler. In den Rang eines Rassehuhnes wurden die Zwerg-Kauler 1926 erhoben, als H. Ballabene, Walchenstedt, die ersten Tiere in München ausstellte.

Schon 1873 befasste sich E. Wright mit der Schwanzlosigkeit der Hühner und stellte fest, dass die Schwanzlosigkeit vom Fehlen einiger Schwanzwirbel und des Schwanzfortsatzes als Basis der Schwanzbildung herrührt. Die Schwanzlosigkeit ist eine Mutation und deshalb immer wieder erneut feststellbar, so z. B. vor vier Jahren in meiner Zucht bei einem Zwerg-Australorphahn.

Laut Dr. Gleichauf wird die als Rassemerkmal bei den Kaul-Hühnern vorkommende Schwanzlosigkeit durch das Auftreten des dominanten Faktors Rp bedingt. Das intermediäre (in der Mitte stehende) Auftreten dieses Merkmals deutet aber darauf hin, dass außerdem noch eine Reihe "modifizierender" Gene beteiligt sind. Diese Gene bewirken eine verschiedengradige Abschwächung der Ausprägung, so dass man in vielen Fällen eine vollkommene Dominanz vermissen wird.

Generell lässt sich sagen, dass sich die Schwanzlosigkeit am "besten" auf die nordwesteuropäischen Landhuhnrassen übertragen lässt. Sehr gut geeignet sind hierbei die Rassen: Deutsches Zwerghuhn, Zwerg-Drenthehuhn und Zwerq-Friesenhuhn. Da man allen Rassen und Farbschlägen die Kauleigenschaften anzüchten kann, titulierte Friedrich Regenstein, der frühere BZAVorsitzende, die Zwerg-Kauler als Spielhuhnrasse.

1,0 Zwerg-Kaulhuhn
rotgesattelt
Foto: Willig

0,1 Zwerg-Kaulhuhn
mit Schopf, balu
Foto: Proll

Das Hauptrassemerkmal der 700 bzw. 600 Gramm schweren Zwerg-Kauler ist der walzenförmige, gedrungene, überall gut abgerundete, beim Hahn leicht aufgerichtete und bei der Henne fast waagerecht getragene Rumpf. Das Körperende darf nicht schmaler werden, sondern soll breit und kugelig wirken. Der volle und dichte Sattelbehang sorgt für eine markante Abrundung. Eine harmonische Untergangs wird durch die gut vorgewölbte Brust und der gut entwickelten Bauchpartie gebildet.

Zu dieser gedrungenen Form passen die kurzen Schenkel und mittelhohen Läufe recht gut. Die Ringgrößen betragen 13 Millimeter bzw. 11 Millimeter.

Eine wichtige Rolle spielen bei den Zwerg-Kaulern die fest anliegenden Flügel. Sie sollten nach Möglichkeit mit dem Körperende abschließen oder dieses kaum überragen.

Die Kopfpunkte werden aus einem kleinen Einfachkamm mit nicht der Nackenlinie folgender Kammfahne, kleinen Kehllappen, herzförmigen Ohrscheiben und roten bis braunen Augen gebildet. Sehr selten sieht man die vom Standard anerkannten Zwerg-Kauler mit Schopf. Je nach Farbschlag reicht die Tönung der Läufe von fleischfarbig bis schieferblau und schwarz.

Seit 1962 sind alle Farbschläge der deutschen Landhühner und seit 1978 die Zeichnungsarten Gold- und Silber-Schwarzgeflockt sowie Chamois Weißgeflockt anerkannt. Damit wurden die Schwierigkeiten beseitigt, die durch die Unkenntnis der zugelassenen und nicht zugelassenen Farbschläge immer wieder heraufbeschworen wurden. Farbreinheit und Zeichnung spielen dabei eine untergeordnete Rolle.

Auf Großschauen sind regelmäßig schwarze, weiße, blaue, gold-, silber-, orangehalsige sowie rotgesattelte Farbschläge zu sehen. So interessante und attraktive Farbschläge wie perlgrau oder die erwähnten Flockungsvarianten treten dagegen fast nie in Erscheinung.

Die Zwerg-Kauler sind ideal für Züchter, denen nur wenig Raum zur Verfügung steht oder für Züchter, die gerne eine Zweitrasse halten möchten. Die Tiere sind in der Voliere ebenso gut zu halten wie im Freien. Sie sind wetterhart und stellen an ihre Haltung kaum Ansprüche. Die Küken zeichnen sich durch Frohwüchsigkeit und rasche Befiederung aus. Während der Zuchtzeit kann man zur besseren Befruchtung bei der Henne die Federn rund um die Kloake wegschneiden. Falls man für die Zucht keine geeigneten Ausgangstiere bekommen kann, greift man am besten auf die Verpaarung eines "normalschwänzigen" Hahnes mit einer schwanzlosen Henne zurück. Wie die Erfahrung zeigt, erzielt man bei dieser Verpaarung einen sehr hohen Anteil schwanzloser Jungtiere. Der Anteil schwanzloser Jungtiere fällt bei umgekehrter Verpaarung etwas geringer aus.

Denkt man an die große Beliebtheit der nordwesteuropäischen Zwerghuhnrassen, so müsste gerade dieser Umstand einer stärkeren Verbreitung der Zwerg-Kauler förderlich sein. Zu wünschen wäre es dieser interessanten und aparten Rasse.

Wilhelm Kämmerling