Dieser Fachartikel wurde uns mit freundlicher Genehmigung aus der  Fachzeitschrift

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Hühner fliegen - aber nicht alle!

 

Viele potenzielle Hühnerliebhaber schrecken letzten Endes vor einer Hühnerhaltung zurück, weil die gefiederten Lieblinge flugfreudig sind. Schnell ist ein Huhn über Nachbars Zaun geflogen und richtet Schaden im Garten an. Womöglich ist das entflogene Huhn auch auf nimmer Wiedersehen davon. All das ist ärgerlich -  muss aber nicht sein.

 
Seidenhühner sind zum Inbegriff der Flugreduzierung geworden und erfreuen sich deshalb vielerorts besonderer Beliebtheit - sie sind ideal für unseren momentanen Zeitgeist

Wenngleich Hühner flugfähig sind, machen sie von ihren Flügeln kaum Gebrauch. Die Flügel dienen in der Natur beim Wildhuhn nur dazu, um nachts auf einem sicheren Schlafbaum aufzubaumen zu können oder bei Gefahr im Schreckflug nahezu senkrecht aufzufliegen, um dann im Gleitflug in schutzbietende Vegetation zu gelangen. Junghühner zeigen zudem Spielverhalten, wozu auch ein flügelschlagender Streckenlauf gehört und auch ein Auffliegen. Das sind wichtige Verhaltensmomente, die instinktiv trainiert werden.

 

Haushühner sind anders

 

Diese Momente sind großteils auch beim Haushuhn erhalten geblieben ‑ aber eben nur großteils. Im Laufe der Domestikation hat sich das Aussehen der Haushühner gegenüber der Wildform, dem Bankivahuhn, geändert. Das war möglich, weil durch die Haltung in Menschenobhut eine neue Umwelt entstand, in der das Haushuhn einen anderen Weg gehen konnte wie das Wildhuhn in der Natur. Nicht nur Aussehensänderungen traten dabei ein, auch Verhaltensänderungen haben sich ergeben. Biologisch bedeutet das, das Haushuhn ist mit dem Wildhuhn nicht mehr vergleichbar, wenngleich man die Verhaltenswurzeln des Wildhuhnes kennen sollte, um das Verhalten der Haushühner besser verstehen zu können.

 
Das Bankivahuhn ist ein "wilder" Hühnervertreter und sein scheues Wesen wird getragen von einer großen"Fluglust"

Im Falle der Flugfähigkeit haben sich beim Haushuhn im Vergleich zum Wildhuhn Änderungen ergeben. Man kennt in der Haushuhnzucht verschiedene Rassekreise. Kampfhühner, asiatische Typen, Mittelmeerrassen, Nordwesteuropäer, Haubenhühner, Langschwanzhühner sind Beispiele, dazu kommt die gesamte Palette der Zwerghuhnrassen. Welche Rassen zu welchem Rassekreis gehören, darüber gibt der Rassegeflügelstandard detailliert Auskunft.

 

Rassekreise

 

Vergleicht man diese Rassekreise, so fällt schnell auf, dass zum Beispiel die Asiaten, aber auch die Kampfhühner, schwere Kaliber sind, während die mediterranen Typen oder die nordwesteuropäischen Rassen mehr den schlanken, leichten Hühnertypus verkörpern. Es ist kein Zufall, dass die asiatischen und Kämpfertypen als zahme, zutrauliche Hühner und die leichten Rassen als scheue, flüchtige Haushühner pauschaliert werden. An dieser Klischeevorstellung ist viel Wahres dran. Schwere Hühner fliegen weniger oder gar nicht im Vergleich zu den leichten. Das hat natürlich nicht nur in Abstammung und Wesen seine Ursache, sondern schlichtweg im Gewicht. Ein Orpington ist nicht mehr in der Lage, im Schreckflug aufzusteigen, wenn Gefahr droht. Das muss er auch nicht. Er ist eine Rasse, die in der schützenden Obhut des Menschen lebt. Seine Größe gibt ihm zudem einen gewissen Schutzstatus. An ihn wagt sich keine Katze heran, bei dem 500 Gramm schweren Bantam sieht die Sache ganz anders aus - aber der kann auch bestens fliegen.

 
Schwere Rassen wie Orpington fallen durch "Flugunfähigkeit" auf

Nicht ganz einzuordnen in flugfreudig und flugunfreudig sind so genannte Zwischentypen. Etliche tendieren mehr zum leichten Typ, andere zum schweren Typ. Sulmtaler verkörpern mit Sicherheit den schwereren, behäbigeren Typ, Sachsenhühner den leichteren. Araucana-Hühner wiederum sind im Grunde genommen flugfaule Vertreter, können aber, wenn's drauf ankommt, im Schreckflug hochsteigen und sich einer vermeintlichen Gefahr entziehen.

 

Junghühner

 

Besonders interessant wird's in der Junghühnerentwicklung. Hier steht instinktiv das flügelschlagende Rennen im Auslauf auf der Tagesordnung. Ist der Auslauf zu klein, kann sich der eingeschränkte flügelschlagende Lauf schnell auch einmal in die Höhe umorientieren. Dennoch: Den Zaun will eigentlich kein Huhn überfliegen, denn der Stall und der Auslauf sind das Zuhause der Hühner. Ihr Zuhause steht stellvertretend für Sicherheit. Kein Huhn ist bestrebt, den Sicherheitsaspekt aufzugeben.

 
Italiener sind Mittelmeer-Rassevertreter und damit grundlegend flugfreudig

Dennoch fliegen bei dem einen oder anderen Züchter immer wieder Junghühner über den Zaun. Das hängt u. a. mit der Rangordnung zusammen. Das Hühnerleben ist streng geregelt. Jede Henne und jeder Junghahn weiß, wem er überlegen und unterlegen ist. Für die Unterlegenen ist es wichtig, dass sie sich aus dem Gesichtskreis der Überlegenen entziehen können. Gut strukturierte Ausläufe stellen dieses sicher.

 

Zuweilen gibt es in Ausläufen aber keinen einzigen Busch, der den Auslauf zumindest ansatzweise untergliedert. Hier kommt es immer wieder vor dass rangtiefe Tiere von ranghohen gemäßigt werden. Was bleibt ihnen anderes übrig, als Ober den Zaun zu fliegen. Deshalb: Hühnerhaltung bedeutet stets, seinen Tieren einen gut unterteilten Auslauf zur Verfügung zu stellen.

 

Und dann gibt es natürlich gerade bei den leichten Rassen auch einfach immer wieder Vertreter, die schlichtweg flugfreudig sind und den Zaun nur als Hindernis für ihren Freiheitsdrang ansehen. Wer solche Rassen halten will, sollte den Auslauf z. B. mit einem Nylonnetz oben abspannen. Doch derart "arbeitsintensive" Rassen sind die Ausnahme. Und: Mit entsprechender Haltung kann man auch solche Rassen zutraulich und damit flugunfreudig machen.

 

Zuchtvielfalt

 

Seidenhühner, eine uralte Rasse aus Japan, haben zerschlissene Federn, die nicht mehr zum Fliegen taugen. Sie sind ideal als "Zierhühner", die auch noch fleißig Eier legen. Ein kleiner Zaun genügt als Abtrennung. Damit sie

 

nächtigen können, muss man ihnen eine Hühnerleiter zum Erklimmen ihrer Sitzstangen zur Verfügung stellen. Zuweilen schlafen sie auch auf dem Boden und zeigen dabei eine enorme Vorliebe für engen Körperkontakt. Ganz flugunfähig sind sie aber dennoch nicht, denn auf 20 bis 30 Zentimeter hohe Sitzstangen kommen sie auch ohne Hilfe.

 
Obwohl Spanier potenziell flugfreudig sind, zeigen sie Standorttreue

Noch etliche andere Rassen ohne zerschlissene Federn sind im Grunde genommen flugunfähig. Die Jahrhunderte und Jahrtausende währende Züchtung hat dieses möglich gemacht. Solche Tiere haben auch andere Verhaltensweise wie das Wildhuhn, wodurch sich ein Vergleich Wildhuhn ‑ Haushuhn für eine grundlegende Darstellung von Gemeinsamkeiten oder Unterschieden ‑ wie bereits angesprochen ‑grundsätzlich verbietet. Heute muss man Haushühner rassebezogen in ihrem Verhalten und Aussehen beurteilen. Für die Frage guter oder schlechter Flieger ist das leicht möglich.             

 

Michael von Lüttwitz